Rassismus.

Eine aktuelle Definition.

Wird eine Situation bzw. ein Verhalten als »rassistisch« bezeichnet, ist dies ein schwerwiegender Vorwurf. Bis auf einige bekennende Neonazis lehnen es die meisten Menschen ab, sich selbst als Rassist*innen zu bezeichnen. In der moralischen Verurteilung von Rassismus besteht demnach eine große Übereinstimmung. Wenn aber darüber diskutiert wird, ob eine Äußerung bzw. eine Verhaltensweise »rassistisch« sei, stellt sich allerdings immer wieder heraus, dass es ganz unterschiedliche Sichtweisen davon gibt, was Rassismus überhaupt ist.

Rassismus beschreibt eine Handlung oder einen Gedanken, welcher aus 3 Elementen besteht:


Differenz
Differenz

Ein Grundbestandteil von Rassismus ist es, Menschen aufgrund bestimmter Merkmale in eine Gruppe einzuordnen. Menschen werden zunächst als Mitglieder einheitlicher Gruppen. Hinter dieser Wahrnehmung verschwinden die Besonderheiten von Individuen.

Es ist dabei gerade nicht wichtig, ob der Unterschied in der Biologie vermutet wird, ob also wirklich genetisch argumentiert wird. Auch Kultur, Kleidung oder Sprache funktioniert als Trennungsmerkmal und wird in Deutschland vermehrt als Mittel der Abgrenzung verwendet.

Zudem stellen wir fest, dass es nicht wichtig ist, ob die angenommen Unterschiede wahr oder falsch sind – wichtig ist dem Rassismus, dass wir unterscheiden. Rassismus funktioniert gerade, weil es sich selbst bestärkt. Rassismus ist somit ein psychologischer Mechanismus, keine wissenschaftliche Erkenntnis!


Wertung
Wertung

Allein die Unterscheidung zwischen Gruppen reicht noch nicht aus, denn erst die Wertung macht einen Schuh (also Rassismus) draus! Um uns selbst besser zu stellen, werden wir das Gegenüber schlechter stellen. Wir werden selbst dadurch größer und stärker – zumindest im Vergleich zu unserem nun geschwächten Gegenüber.

Hierbei wird sichtbar, dass das Kriterium tasächlich nicht biologisch sein muss. Zwar hat die Rassenlehre genetische Unterschiede angenommen, aber ist dies nicht originärer Bestandteil von rassistischen Denk- und Handlungsstrukturen. Neuere Formen des Rassismus betonen vor allem kulturelle Unterschiede, die unterschiedliche Kulturen unvereinbar nebeneinander stehen lassen.


Verallgemeinerung
Verallgemeinerung

Statt das Gegenüber in ihrer Einzigartigkeit anzuerkennen, welches als Individuum uns gegenübersteht, verallgemeinert der Rassismus. Dieses geschieht dabei zweifach: So kommt es zur internen Verallgemeinerung, also der Überbetonung eines Klassifierungsmerkmals. So präsentiert eine Person nun plötzlich eine ganze Gruppe und eine davon unabhängige Positionierung jenseits dieser Eingruppierung ist kaum möglich. Beispielsweise kann von einer Person mit Migrationsgeschichte gefordert werden, für die Politik des Heimatlandes der Großeltern einstehen zu müssen. Zudem ist die externe Verallgemeinerung darauf aus, Stereotype und Vorurteile nicht nur auf eine Person zu beziehen, sondern auf ganze Menschengruppen. So werden einzelne Charakterzüge oder Verhaltensmuster ggf. bei einer Person beobachtet und auf die ganze Gruppe übertragen.

Mit der Zuordnung, Wertung und Verallgemeinerung zu bestimmten Gruppen werden soziale, politische und ökonomische Ausschlüsse begründet. Das betrifft z. B. die Möglichkeit, Arbeit zu bekommen sowie den Zugang zu Bildung und Kultur. Doch werden rassistisch Diskriminierte nicht nur beim Zugang zu diesen Ressourcen benachteiligt. Sie sind darüber hinaus immer wieder Opfer von Beleidigungen, abwertenden Anspielungen und körperlichen Angriffen.

Warum tun Menschen so etwas? Der Schlüssel ist dabei das Resultat: Die Hierarchie! Wir fühlen uns nun gut – oder zumindest besser als vorher – oder besser als die anderen.

Rassismus ist gleichzeitig eine Form der sog. Herrschaftssicherung. Wir halten hiermit eine Gesellschaftsordnung aufrecht, die manche Menschen mit Privilegien ausstattet und gleichzeitig andere Menschen benachteiligt.

Die Definition, zu der wir anhand der drei Bestandteile kommen, lautet:

Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen

Wir können ein Fazit ziehen:

Erstens: Rassismus ist etwas, das Menschen tun. Es ist somit erstmal kein Manifest, keine Ideologie, kein in sich geschlossenes Weltbild. Rassismus ist vielmehr eine Handlung oder ein Gedanke. Somit können wir rassistisch handeln oder denken, ohne dass dies aus einem rassistisch-geschlossenen Weltbild schöpft. → Hierzu ein Selbsttest.

Zweitens: Es gibt nicht nur den einen Rassismus. Es gibt Rassismen, die unterschiedlich ausgeprägt sind. Zum einen kann die „Zielgruppe“ variieren, z.B. ist Islamfeindlichkeit eine Form, Antiziganismus eine andere. Oder wir wechseln das Kriterium aus und unterscheiden nun entlang von Kultur, Biologie oder Religion. Dies alles ergibt unterschiedliche Rassismen.

Drittens: Rassismus funktioniert nur aufgrund von Privilegien. Wir benötigen die Deutungshoheit, damit wir unsere gesellschaftlichen Vorteile absichern können. Somit ist es schwierig, von Rassismus gegen Mehrheitsgesellschaften zu sprechen, da es ja gerade diese sind, die mit Privilegien und Deutungshoheit ausgestattet sind. Rassismus bedeutet also immer auch ein Machtgefälle zwischen Angegriffenen und Angreifenden.

Viertens: Die Definition von Rassismus wirkt a-historisch und ganz so, als ob Rassismus mal die einen, mal die anderen bevorteilt. Dem ist nicht so: Rassismus ist, wie wir feststellen, historisch gewachsen. Daran knüpft der aktuelle Rassismus an. Für eine Übersicht der historischen Entwicklung → Hier entlang.

Fünftens: Die Rassismusdefinition wird von manchen Forscher*innen durch einen weiteren Ansatz ergänzt: Das Konzept der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Dieses baut auf der Einsicht auf, dass Rassismus oft mit weiteren Ausschlussmechanismen gepaart ist. Mehr dazu? → Hier entlang.