Rassismus in Deutschland.

Von der Entsolidarisierung der Gesellschaft.

Nicht immer wird Rassismus als solcher wahrgenommen – und dennoch bleibt dieser auch in unserer heutigen Gesellschaft ein wirkmächtiges Benachteiligungs-, Ausschluss-, sowie Privilegierungskriterium.

Geringe Chancengerechtigkeit in Bildung & Beruf

Schauen wir uns die schulische Bildung an, bemerken wir, dass Kinder und Jugendliche „mit Migrationshintergrund“ über ihre gesamte Bildungskarriere hinweg benachteiligt werden. So gehen Kinder „mit Migrationshintergrund“ nach der Grundschulzeit seltener auf das Gymnasium und dafür häufiger auf eine niedriger qualifizierende Schulform. Auch verlassen diese Heranwachsenden die Schule seltener mit dem Abitur und häufiger mit einem Real- oder Hauptschulabschluss[1]. Statt Unterschiede auszugleichen und zur Chancengerechtigkeit beizutragen, scheint das deutsche Schulsystem an dieser Stelle Unterschiede frühzeitig zu verstetigen und unsere Gesellschaft somit nachhaltig zu formen.

Auch auf dem Arbeitsmarkt kann ein „Anderssein“ aufgrund von rassistischen Ausschlussmechanismen nachteilig sein: So müssen muslimische Frauen mit Kopftuch für eine Einladung zum Bewerbungsgespräch mehr als vier Mal so viele Bewerbungen verschicken wie Bewerberinnen mit identischer Qualifikation. Ähnliches gilt für Menschen mit einem Nachnamen, der nicht „typisch deutsch“ klingt.[2]

Weitverbreitete Rassismuserfahrungen

Schauen wir uns die individuellen Benachteiligungs- und Rassismuserfahrungen auf, fühlen sich rund 17 Prozent von eingewanderten Personen, die nach eigenen Angaben „typisch deutsch“ aussehen, benachteiligt. Dagegen berichten Menschen mit „sichtbarem Migrationshintergrund“ zu rund 48 Prozent von Diskriminierung. Dieser Wert steigt sogar auf 59 Prozent bei jenen, die zusätzlich mit Akzent sprechen.[3] Gezählt wurden hierbei sowohl unbewusste diskriminierende Handlungen ohne Diskriminierungsintention sowie direkte Diskriminierungen wie rassistisch motivierte Gewalt oder die rassistische Benachteiligung auf dem Wohnungsmarkt.

Keine "Stunde Null"

Bewegen wir uns also gesellschaftlich in eine immer rassistischere Richtung? Anders gefragt: Ist in Deutschland der Rechtsradikalismus zurück auf der politischen Bühne? Erobert auch der Rechtsextremismus immer mehr an gesellschaftlichem Einfluss?

Zuerst einmal: So richtig weg waren nach 1945 weder Rechtsradikalismus noch Rechtsextremismus. Immer wieder stießen extrem rechte Parteien in die Landes- und Bundesparlamente. Bei der Bundestagswahl 1949 erhielten extrem rechte Parteien 18 Mandate. Die 1952 verbotene Sozialistische Reichspartei brachte es 1951 in Niedersachsen auf 11 Prozent (16 Mandate) und in Bremen auf acht Prozent (8 Mandate).[4] In den 60er Jahren bildete sich dann die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD), deren Verfassungsfeindlichkeit im sog. NPD-Verbotsverfahren festgestellt wurde, jedoch aufgrund ihrer „Bedeutungslosigkeit im politischen Geschehen“ nicht abschließend verboten wurde. Seit den 80er Jahren wiederum weisen Studien darauf hin, dass 13% der (West)Deutschen ein geschlossen rechtsextremes Weltbild haben, welches u.a. aus Rassismus, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus besteht[5].

Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur 2002-2016

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Quelle: Heinrich-Böll-Stiftung (2016); Die enthemmte Mitte - Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland.

Es fällt daher schwer, von einer „Stunde Null“ zu sprechen, in der „Trümmerfrauen“ ein neues, „entnazifiziertes“ Deutschland aufbauten. Zwar werden die Gräuel des zweiten Weltkrieges nicht mehr fortgeführt, und dennoch scheinen Bestände des rechtsextremen Weltbildes kontinuierlich bestehen. Wenn wir 2016 feststellen, dass 13% der Aussage „Eigentlich sind die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen“ überwiegend oder sogar voll zustimmen, knüpft dieses an genau diesen rassistischen Einstellungsmustern an[6]

Radikalisierung der Mitte

Seit zwei Jahrzehnten werden die verschiedenen Facetten gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit erfasst. Seit 2016 sind dabei auch die Zustimmung und Ablehnung sogenannter neurechter Einstellungsmuster im Fokus. Neurechte Einstellungen transportieren über die Begriffe "Identität" und "Widerstand" ihre rassistische Ideologie und lösen zunehmend den offenen Rechtsextremismus ab.

Hierbei wird sichtbar, dass

• 40% aller Befragten meinen, die deutsche Gesellschaft würde durch den Islam unterwandert.
• Mehr als jede fünfte befragte Person (28 %) denkt; „Die regierenden Parteien betrügen das Volk“,
• ebenso viele beklagen: „In Deutschland kann man nicht mehr frei seine Meinung äußern, ohne Ärger zu bekommen.“ (28 %)
• und fordern: „Es ist Zeit, mehr Widerstand gegen die aktuelle Politik zu zeigen“ (29 %).[7]

Vor allem in den letzten Jahren wird jedoch verstärkt erkennbar, dass der verstärkten rechtsextremen Orientierung gleichzeitig eine große Mehrheit an Menschen gegenübersteht, die gegenteilige Einstellungsmuster angeben. Eine Vielzahl an Mitmenschen orientieren sich an weltoffenen Gesellschaftskonzeptionen. Eine Entwarnung ist dieses dabei nicht – gerade die zunehmende Vehemenz und Unversöhnlichkeit der rechten und rechtsextremen Einstellungen geben uns genügend Anlass, diesem aktiv entgegenzuwirken und uns für ein gerechtere und dem Menschen zugewandte Gesellschaft einzusetzen.

Zusammenfassung
✓ Es herrscht keine Chancengerechtigkeit in deutschen Bildungsinstitutionen sowie auf dem Arbeitsmark.
Rassismuserfahrungen sind relativ weit verbreitet.
✓ Statt einer "Stunde Null" scheint es eher eine Kontinuität des Rechtsextremismus zu geben.
✓ Meinungen fallen in den letzten Jahren immer weiter auseinander: Der Neuen Rechten steht eine welt- und menschenfreundliche Gesellschaftskonzeption gegenüber.