In der Schule.

Von der vorurteilsbewussten Bildung.

Wenn unsere Gesellschaft durch rassistische Denk- und Handlungsstrukturen geprägt ist, dann sind es auch unsere Bildungsinstitutionen. Doch was bedeutet dieses konkret?

Geringe Chancengerechtigkeit

Schauen wir uns Bildungskarrieren an, bemerken wir, dass Kinder und Jugendliche „mit Migrationshintergrund“ über ihre gesamte Bildungskarriere hinweg benachteiligt werden. So können wir feststellen, dass Kinder „mit Migrationshintergrund“ nach der Grundschulzeit seltener auf das Gymnasium und stattdessen häufiger auf eine niedriger qualifizierende Schulform wechseln. Auch verlassen diese Personen die Schule seltener mit dem Abitur und häufiger mit einem Real- oder Hauptschulabschluss als ihre Mitschüler*innen „ohne Migrationshintergrund“.[1]

Hier greift auch die strukturelle Benachteiligung, die das deutsche Schulsystem mit sich bringt; die frühe Aufteilung nach der vierten Klasse „sortiert“ Kinder schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt nach Leistung. Statt ggf. vorhandene Unterschiede auszugleichen und zur Chancengerechtigkeit beizutragen, scheint das deutsche Schulsystem an dieser Stelle Unterschiede frühzeitig zu verstetigen und unsere Gesellschaft somit nachhaltig zu formen. Hier haben wir es im besten Fall also mit Chancengleichheit statt Chancengerechtigkeit zu tun: Während die Chancengleichheit allen Schüler*innen die gleichen Angebote macht, ohne individuelle Bedarfe zu adressieren, zielt die Chancengerechtigkeit genau auf diese passgenaue Förderung von Schüler*innen entlang der individuellen Potentiale ab.

Überparteilichkeit, aber keine Wertneutralität

Neben struktureller Benachteiligung kann es in Schulen zu Aussagen und Handlungen kommen, die wir als rassistisch erkennen. Aber: Dürfen sich Lehrende denn überhaupt politisch positionieren? Wichtig ist, dass Lehre die Überparteilichkeit wahrt. Dies bedeutet, dass Lehrende keine einseitige Themenbehandlung oder gar Parteipolitik machen dürfen. Wichtig bleibt aber: Überparteilichkeit bedeutet nicht Werteneutralität! Gerade Bildungsinstitutionen nehmen in unserer Gesellschaft eine ganz besondere Position ein, denn sie sollen Schüler*innen zu mündigen Bürger*innen erziehen. Hierbei deuten Begriffe wie Demokratiekompetenz und Partizipationskompetenz an, dass es um erlernbare Fähigkeiten geht, die eine Gemeinschaft mitdenkt und sich an gesellschaftlichen Fragen orientiert. Prägend hierbei ist der sogenannte Beutelsbacher Konsens.

I. Überwältigungsverbot

Es ist nicht erlaubt, den Schüler*innen im Sinne erwünschter Meinungen zu überrumpeln und damit an der "Gewinnung eines selbständigen Urteils" zu hindern. Hier genau verläuft nämlich die Grenze zwischen Politischer Bildung und Indoktrination. Indoktrination aber ist unvereinbar mit der Rolle der lehrenden Person in einer demokratischen Gesellschaft und der - rundum akzeptierten - Zielvorstellung von der Mündigkeit des Schülers.

2. Kontroversität

Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers erscheinen. Diese Forderung ist mit der vorgenannten aufs engste verknüpft, denn wenn unterschiedliche Standpunkte unter den Tisch fallen, Optionen unterschlagen werden, Alternativen unerörtert bleiben, ist der Weg zur Indoktrination beschritten.

3. Schüler*innenorientierung

Die Schüler*innen sollen in die Lage versetzt werden, eine politische Situation und die eigene Interessenlage zu analysieren, sowie nach Mitteln und Wegen zu suchen, die vorgefundene politische Lage aktiv zu gestalten und im Sinne der eigenen Interessen zu beeinflussen.[2]

Hierbei kann Schule ganz klar verfassungsfeindliche Positionen benennen und sich ausgrenzenden, rassistischen Positionen entgegenstellen.

Strategische Vorüberlegungen

Damit Schulen adäquat auf rassistische Denk- und Handlungsweisen reagieren können, stellt sich die Frage, welches Regelwerk tritt zum Schutz vor Rassismus ein? Hier haben sich Schulen im Zweifel selbst zu positionieren. Hilfreich ist es dabei, zwischen Prävention und Intervention zu unterscheiden.

Zum einen kann eine Schule für die Intervention festlegen, mit welchen Prozessen sie auf Beschwerden zu Rassismus reagieren möchte; wer ist Ansprechperson, wer wird involviert, was wird dokumentiert und welche Konsequenzen werden ggf. gezogen?

Wie stellt sich eine Schule jedoch auch in Sachen Prävention auf? Gibt es ein Leitbild, in welcher die Schule klar Stellung bezieht? Hinzu kommen die verschiedenen Formen des Empowerments, also die Stärkung von Betroffenen. Hier kann ein niedrigschwelliges Beschwerdesystem Rechte stärken und dazu ermutigen, sich rassistischen Denk- und Verhaltensweisen entgegenzustellen. Auch Lehrpersonal kann in Rahmen der Prävention für das Erkennen und den Umgang mit Rassismus sensibilisiert und geschult werden. Gleichfalls können Schüler*innen zu dem Thema befragt werden und persönliche Erfahrungen hierzu eingeholt werden. Neben der Frage, welche Ungleichheitserfahrungen gemacht worden sind, ist auch das Einholen von gewünschten Unterstützungsangeboten erfolgsversprechend.

Projekte & Zertifizierungen

Auch Projekte wie Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage bieten Kindern, Jugendlichen und Pädagog*innen die Möglichkeit, das Klima an ihrer Schule aktiv mitzugestalten. Hierbei unterschreiben mehr als 70% der Menschen an einer Schule die Selbstverpflichtung, sich künftig gegen jede Form von Diskriminierung an ihrer Schule aktiv einzusetzen, bei Konflikten einzugreifen und regelmäßig Projekttage zum Thema durchzuführen. Unterstützt werden die Schüler*innen und Pädagog*innen dabei von mehr als 70 Koordinierungsstellen und 350 außerschulischen Kooperationspartnern.

Zusammenfassung
✓ Das deutsche Schulsystem ist vor allem durch Chancengleichheit, nicht durch Chancengerechtigkeit geprägt
Beutelsbacher Konsens: Lehrende sind zwar der Überparteilichkeit, sind dabei aber nicht Werteneutralität. Ziel der schulischen Bildung sind mündige Bürger*innen in einer pluralen, demokratischen Gesellschaftsstruktur
✓ Eine gut aufgestellte Schule stellt eine Präventions- und Interventionsstrategie auf
✓ Klare Ansprechpersonen, ein Beschwerdesystem, Dokumentationsregeln sowie deutliche Konsequenzen gehören zur Basis einer schnell reagierenden Interventionsstrategie
✓ Ein Leitbild, das Empowerment (also die präventive Stärkung von Betroffenen) sowie eine umfassende Sensibilisierung von Pädagog*innen und Schüler*innen zählen zu den Präventionsstrategien

Weiterführende Literatur:

[1] Doppelt benachteiligt? Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem. Eine spannende Studie.
[2] Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: Beutelsbacher Konsens.
[3] Schule ohne Rassismus.
Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Diskriminierung an Schulen erkennen und vermeiden.
Ein Leitfaden für Schulen in Berlin: Schutz vor Diskriminierung an Schulen. Eine gute Broschüre!