In der Kindertagesstätte.

Von der vorurteilsbewussten Bildung.

Auch Kindertagesstätten sind Orte, die rassistisch geprägt sein können. Dabei geschehen rassistische Denk- und Handlungsweisen nur selten bewusst – oft sind es unbedachte Selbstverständlichkeiten, die zu einer Unterteilung und Abwertung von Kindern führen kann.

Hierbei werden Unterteilungen oft schon in der Repräsentation eingeführt: Welche Menschen werden in Büchern, Wandplakaten und Geschichten dargestellt? Wenn wir Bilder zeigen, in denen alle Kinder ähnlich aussehen, kann dies den Normalitätseindruck prägen. Hierbei kann vor allem prägend sein, was fehlt. Wer passt in das angebotene Bild hinein – und wer nicht? Hier können Erfahrungen von Anders-Sein gemacht werden, die unbewusst von Leitungs- und pädagogischen Fachkräften unterstützt werden. Eine ganz praktische Frage ist hierbei: Wer bestimmt, was die Familie ist? Hat also das Fachpersonal Bilder einer „typischen Familie“ aufgehangen, oder durften die Kinder selbst ihre Familie zeichnen und auf Augenhöhe befestigen?

Auch die Zusammensetzung des Personals kann hierbei leitbildgebend sein. Wie divers ist das pädagogische Fachpersonal und welche Lebensentwürfe werden hier durch Repräsentation als Normalität vermittelt?

Um die Vielfalt des eigenen Lernortes darzustellen, können engagierten Pädagog*innen interkulturelle Feste ausrichten. Genau hier kann es jedoch wieder zu einer verstärkten Erfahrung von Anders-Sein kommen: Kinder und Eltern werden dazu angehalten, möglichst exotisches Essen „aus der Heimat“ mitzubringen, also von Orten, die sie eventuell nur als Urlaubsort kennen. Während der Lebensmittelpunkt der Kinder in der unmittelbaren Umgebung der Kindertagesstätte liegt, wird hier die Heimat des Kindes weit weg verlegt. Die kritische Frage hierbei ist: Wie werden die Bezüge zum eigentlichen Lebensmittelpunkt vor Ort aufgezeigt? Kann Vielfalt als pädagogisches Programm mehr als zu Exotisierung führen und somit die tatsächliche Lebensvielfalt adäquater abbilden?[1]

Auch Kinder selbst können sich rassistische Denk- und Handlungsweisen aneignen. Dabei ist hier der Begriff der Vor-Vorurteile wichtig. Gemeint ist, dass Kinder ab einem Alter von 3 Jahren mit Verallgemeinerungen experimentieren. Dabei werden Alltagsbeobachtungen analysiert und kategorisiert. Dieses Experimentieren unterscheidet sich dabei sehr stark von den Vorurteilen von Erwachsenen; während Vor-Vorurteile veränderbar sind und sich noch nicht grundsätzlich manifestiert haben, geben Erwachsene ihre Vorurteile nur selten auf. Gleichzeitig merken auch Kinder schnell, mit welchen Worten und Handlungen sie Mitmenschen verletzen und ausgrenzen können. Dabei bedeutet Rassismus auch die Macht, zu verletzen.[2] Vor allem dann, wenn das pädagogische Fachpersonal wenig sensibilisiert im Umgang mit Rassismus ist und nicht interveniert, kann der Rassismus seine Wirkungsmacht entfalten und Vor-Vorurteile verfestigen.

Es ist die vorurteilsbewusste Pädagogik, die den Begriff der Vor-Vorurteile aufgestellt hat. Hierbei ist der Grundgedanke, dass jeder schon ein Muster, ein schablonenhaftes Betrachten der Umgebung mitbringt.

Prinzipiell gilt auch bei dem Lernort Kindertagesstätte: Zugehörigkeit hat etwas mit Zugehört-werden zu tun. Dies bedeutet, dass wir uns anschauen müssen, wer Normalität formuliert und wer Meinungen und Empfindungen ausdrücken darf. Wessen Einschätzungen und Gefühle werden in der Gestaltung der Kindertagesstätte, aber auch in dem praktischen Verhalten in der Kindertagesstätte berücksichtigt?

Erleben wir in der Kindertagesstätte Diskriminierung, so ist die Intervention wichtig. Hierbei gilt: Unterschiede sind gut, Gedanken und Handlungsweisen, die Kinder ausschließen, sind es nicht. Erzieher*innen sind aufgefordert, Position zu beziehen und dürfen dies nicht einfach den Kindern überlassen. Etwas unkommentiert stehen lassen bedeutet hierbei stillschweigendes Akzeptieren und bestärkt Kinder in dem gerade ausprobiertem!

Wichtig bei der Intervention: Im Thema bleiben. Statt Ausdrucksweisen zu verbieten und Verhaltensweisen zu maßregeln, gilt es nachzufragen. Im Gespräch kann gemeinsam herausgefunden werden, ob das eigene Denken und Handeln an dieser Stelle fair oder unfair war. Hier können überraschende Gemeinsamkeiten erkannt werden, die alle Kinder in der Identitätsfindung unterstützen können.

Zusammenfassung
✓ Die Repräsentation erlangen auch Kleinkinder einen Eindruck davon, was als normal gilt und was somit anders ist
✓ Die Zusammensetzung des Personals kann diesen Normalitätseindruck verstärken
✓ Eine Exotisierung von Anders-sein normalisiert diese nicht, sondern exponiert diese Unterschiede weiter
✓ Auch Kleinkinder üben sich in (noch nicht gefestigten) Vor-Vorurteilen
✓ Bei Vor-Vorurteilen kann die direkte Intervention fragestellend zum Nachdenken anregen

Weiterführende Literatur:

In der Schule handeln. Empfehlung
[1] Vielfalt Mediathek: Sichtbar anders? Rassismus und Antirassismus in der Kita.
[2] Beratungsnetzwerk Hessen: „Was soll ich denn da sagen?!“ Zum Umgang mit Rechtsextremismus und Rassismus im Schulalltag.
BIldungsmedien gegen Rechtsextremismus, Menschenfeindlichkeit und Gewalt - Frühprävention im Vor- und Grundschulalter. Eine empfehlenswerte Materialsammlung.