Rassismus im 19.-20. Jahrhundert.

Die Rassenlehre.

Die Hochphase des europäischen Imperialismus verankert nun Rassismus als grundlegende, kollektive Identität in den europäischen Gesellschaften. Dem europäischen Menschen steht nun der Untermensch gegenüber. Obwohl hier kaum noch ein Gegenüber zugelassen wird, sondern viel eher in ein striktes Über- und untereinander gruppiert wird.

Begründet wird dieses mit der Evolutionstheorie, die u.a. Charles Darwin im 19. Jahrhundert entworfen hatte. Hierbei gilt es jedoch, die Ausgangsgedanken von Darwin, den sog. Darwinismus, von der gesellschaftlichen Übertragung, den Sozialdarwinismus, zu unterscheiden.

Grundlegende Idee von Charles Darwin war es, dass Leben sich an sein Umfeld anpasst und so überleben kann. Das „Survival of the fittest“ bedeutet hierbei das Überleben der Angepassten.

Jeder lebendige Organismus muss sich also an die sich verändernde Umgebung bestmöglich anpassen, um zu überleben. Dabei sind dies keine individuellen Lebensentscheidungen eines jeden einzelnen von uns. Dies geschieht durch die natürlich Selektion, also den über Jahrhunderte währende Prozess, in dem sich evolutionäre Vorteile durchsetzen können. Als Resultat erleben wir den Artenreichtum voller Lebewesen, wie wir ihn kennen. Lebewesen passen sich dabei auf spezielle Nischen an und vermeiden so auch Konkurrenzsituationen. Diese Idee wird also Darwinismus genannt.

Die Wissenschaft hat zur Genüge festgestellt, dass es unterschiedliche Rassen zwischen Menschen nicht gibt – aber was war ursprünglich mit diesem Begriff gemeint?

Rasse wurde in der Biologie als Unterbegriff zur Art verwendet. Die Art bezeichnet dabei Gruppen, die sich untereinander fortpflanzen können. Menschen sind daher eine Art, Hunde eine weitere. Die Angehörigen einer Art bilden demnach eine Fortpflanzungsgemeinschaft, sie haben somit Anteil an einem Genpool, in der evolutionärer Wandel stattfindet.[1]

Rassen sind wiederum Untergruppen einer Art, die sich in ihrem Genbestand von anderen Gruppen derselben Art in einem bedeutendem Maß unterscheiden. Dieses „bedeutende Ausmaß“ ist schwer zu definieren, die Zoologie hat es behelfsmäßig mit zwei Kriterien versucht

  1. ▪ Geographisch begrenzte, klar differenzierte Populationen
  2. ▪ über längere Zeit getrennte Abstammungslinien

Die beiden Kriterien treffen auf Menschen nicht zu. So sind die Unterschiede zwischen den unterschiedlichen geographischen Gruppen geringer als innerhalb der jeweiligen „Rasse“ selbst. Auch lassen sich keine getrennten Stammeslinien über längere, evolutionsrelevante Zeit unterscheiden. Stattdessen besteht ein genetisches Netzwerk, das alle Menschen miteinander verbindet.[2]

In seiner Umdeutung zum Sozialdarwinismus wird aus dem „survival of the fittest“, also das Überleben des Angepassten, plötzlich das Recht des Stärkeren. Statt wie bei Darwin um jahrhundertlange Anpassungsprozesse geht es nun um völkische Konkurrenzsituationen, in denen es Starke und Schwache gibt – und wenig Mitleid. Statt Schwache zu stärken geht es nun vielmehr darum, die Schwachen auszumerzen. Auch die Eugenetik dient hier dem Wohl des Volkes, da es „schadhaftes“ umbringt. Ein Volkskörper, so die Idee, gesundet, in dem es alles Krankhafte ausscheidet. Was metaphorisch klingt, führt, so die Vorstellung, zu einem unerbittlichen Kampf um die Vorherrschaft zwischen den Völkern.

Diese Rassenlehre fußt vermeintlich auf wissenschaftlichen Erkenntnissen – ist aber durchweg widerlegt worden. Die Rassenlehre erfüllt alle Kriterien der Rassismusdefinition: Im Zentrum steht der völkische Herrenmensch, es kommt dabei zur Differenz, Wertung und Verallgemeinerung. Kriterium ist hierbei die Genetik; es werden biologische Unterschiede vermutet.

Zusammenfassung

✓ Der Rassismus des 19. und 20. Jahrhunderts basiert auf der Rassenlehre.
✓ Menschen werden anhand imaginierter biologischer Unterschiede als wert und unwert kategorisiert.
✓ Hierzu wird die Evolutionstheorie von Charles Darwin in das Recht des Stärkeren umgedeutet.
✓ Die Rassenlehre ist wissenschaftlich unhaltbar

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Weiterführende Literatur:

Die Antike - Gab es Rassismus bei den Hellen*innen? Eine Spurensuche. Empfehlung
[1] Spektrum - Lexikon der Biologie: Art.
[2] Spektrum - Lexikon der Biologie: Menschenrassen.
Christian Geulen (2014): Geschichte des Rassismus. Ein wichtiges Buch!